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Schlagschach-Memorabilien
Teil 1
Vorläufer des Schlagschachs:
Codrus-Schach
Diese Schach-Variante kann mit Fug und Recht als ein Vorläufer
des Schlagschachs angesehen werden. Es ist das Verdienst von David
Pritchard, in seiner "Encyclopedia of Chess Variants" (1994) hierauf
aufmerksam gemacht zu haben. Codrus-Schach wurde beschrieben in
Bredes Schach-Almanach (1844), einige Seiten aus dieser alten Rarität
seien hier vorgestellt: Titel, S. 82-85.
Die Regeln sind schnell erläutert: es besteht Schlagzwang für
Weiß und Schwarz, bei mehreren möglichen Schlagzügen
besteht freie Schlagwahl. Der König ist wie beim heutigen Schlagschach
eine normale Figur ohne königliche Eigenschaften. Gewonnen
hat derjenige, dessen König zuerst geschlagen wurde.
Zwei Kurzpartien aus dem Almanach zur Illustration (Schwarz zieht
jeweils an!):
1.d6 g4 2.Lxg4 Lg2 3.Lxe2 Lxb7 4.Lxd1 Lxa8 5.Lxc2 Lc6 6.Lxb1 (6.Sxc6
d4 7.Lxb1 Txb1 8.Sxd4 Ke2) Txb1 7.Sxc6 d4 8.Sxd4 Ke2 9.Sxe2
1.f6 f4 2.Kf7 Kf2 3.e5 (3.b6 Kg3 4.La6 Kh4) fxe5 4.fxe5 b4 5.Lxb4
Sf3 6.Lxd2 Sxe5 7.Lxc1 Sxd7 8.Lxd7 Dxd7 9.Dxd7 Ke3 10.Lxe3
In der Folge wird von Brede eine Variante des Codrusspiels beschrieben,
das "Codrus mit Zwischenzug"; hier gilt: D, T oder L müssen
nicht schlagen, wenn sie zwischen sich und dem zu schlagenden Stein
einen dritten Stein ziehen können, selbst wenn letzterer selbst
schlagen könnte; Voraussetzung ist allerdings, dass nicht anderweitig
zu schlagende Steine auf dem Brett stehen. Klingt kompliziert, daher
auch hier ein Beispiel von Brede (der jetzt zur Abwechslung Weiß
anziehen lässt):
1.e3 b5 2.c4 (Zwischenzug) bxc4 3.d3 cxd3 4.Dxd3 (hier ist auch
der Zwischenzug 4.De2 möglich) La6 5.Dxh7 Lxf1 6.Dxh8 Lxg2
7.Dxg8 Lxh1 8.Dxf8 Kxf8 9.Sf3 Lxf3 10.Ke2 Codrus!
"Take me" Chess: Ein weiterer
Vorläufer des Schlagschachs
Diese Schlagschach-Variante wurde in dem Buch Chess
Eccentricities von Major George Hope Verney [erschienen 1885
bei Longmans, Green (UK)] beschrieben in dem Artikel 'Take me'
Chess, invented by Walter Campbell, and played at Boyton Lodge,
Wiltshire, in 1876. Schlagzwang besteht hier nur bei der ausdrücklichen
Aufforderung "Take me" des Gegners, Umwandlungen sind nur erlaubt
in Steine, die bereits geschlagen wurden (siehe z. B. John Beasley's
... survey of
Losing Chess ...).
Frühe Erwähnungen des Schlagschachs
in der deutschen Schach-Literatur
Eine erste kurze Erwähnung erfolgte in einer Anmerkung (Fußnote)
Dr. Tarraschs, die dieser bei der Besprechung eines Artikels von
Mr. Thos. Long aus dem British Chess Magazine macht: siehe
Deutsche Schachzeitung 1891, S. 123, "Aus dem Lande des Spleens"
unter Vermischtes. Zitat der Fußnote: "Mr. Long kennt
offenbar das speciell in Leipzig nicht selten gespielte "Schlagschach"
nicht, in welchem bekanntlich derjenige Sieger ist, dessen Steine
sämmtlich geschlagen sind, wobei das Schlagen nicht fakultativ,
sondern obligatorisch ist."
Eine zweite spätere Erwähnung bezieht sich auf die Zeit
Adolf Anderssens, d. h. etwa auf die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts;
sie findet sich in: Fritz Riemann, Schacherinnerungen des jüngsten
Anderssen-Schülers (Berlin/Leipzig 1925), S. 23. Zitat:
"Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß sich alle meine sonstigen
Erfahrungen mit denen in den eben erwähnten Fällen decken:
vor jeder e r n s t h a f t e n Schacharbeit hegte Anderssen Hochachtung,
mochte diese oder jene im Grunde auch nicht so recht nach seinem
Geschmacke sein (wie es mit den modernen Problemen ja sicher der
Fall war). Weit schlechter hingegen kam der Schachulk beim "Alten"
weg. Anderssen hielt das königliche Spiel zu hoch, als daß
er nicht scherzhaftes bzw. parodistisches Umspringen damit a limine
verworfen hätte; unser guter Schachkomiker Richard Schurig
erntete folgerichtig kein Lob für sein "Schlagschach"1),
und gleicherweise fanden seine phänomenalen Eröffnungsgedanken
wenig Gegenliebe bei dem Meister."
1) "Analog dem Spiel "Schlagdame". Gewinner ist der Spieler,
dessen Steine zuerst sämtlich geschlagen sind. Jeder Stein,
der geschlagen werden kann, muß hierbei geschlagen werden.
F. R."
Für die Entdeckung und Weitergabe dieser beiden Literaturstellen
gilt mein Dank Schachfreund Dr. Hans-Georg Kleinhenz, München.
Der Dresdner Schach-Kalender 1901
Ein Exemplar dieser sehr seltenen Festschrift habe
ich in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden gefunden.
Auf dem Hinterdeckel ist eine Schlagschach-Studie
in Diagrammform und ohne Autorangabe abgedruckt, man geht wohl zu
Recht davon aus, dass dieses Stück von Paul Schellenberg stammt,
dem Verfasser des Kalenders. Die Studie ist eine Art Pionierarbeit,
stellt sie doch die erste ihrer Art in der Literatur dar, die den
modernen Schlagschachregeln entspricht.
Hans Klüver propagiert das
Schlagschach in Deutschland
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es nur wenige
Anhänger und Propagandisten des Schlagschachs. In England war
es Thomas R. Dawson und in Deutschland Hans Klüver, die mit
kleinen Publikationen (wie im Deutschen
Wochenschach 1924) bzw. mit eigenen Studien und Problemen das
Schlagschach im Gespräch hielten, später gesellte sich
dann Karl Fabel hinzu. Ein besonders gelungener Beitrag aus "Schachmatt"
1948, verfasst von H. Klüver, sei hier ebenfalls vorgestellt:
Schlagschach-Seite.
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